1.
Trennung ist kein singuläres Ereignis, sondern ein Prozess, der sich über mehrere Phasen erstreckt. In der Regel benötigen Erwachsene für die Bewältigung der Trennung / Scheidung 2-3 Jahre, vom ersten Gedanken an die Trennung (Ambivalenz) bis zum Abschluss der Scheidung, dem Übergang in die Nachscheidungsphase. Oft geht dieser Prozess bei strittigen Eltern über mehrere Jahre, bisweilen wird er nie abgeschlossen.

2 bis 3 Jahre sind für Kinder ein langer Zeitraum, in dem sie je nach Entwicklungsstand unterschiedliche Entwicklungsaufgaben bewältigen müssen. Dazu benötigen sie den Rückhalt ihrer Eltern. Trennen sich die Eltern, so sind diese Entwicklungsprozesse gefährdet, da die Eltern nun ihrerseits mit der Bewältigung ihrer eigenen Krisensituation beschäftigt sind. Die Trennung der Eltern stellt für die Kinder eine starke Belastung dar, zumindest vorübergehend für den Zeitraum der Reorganisation des eigenen Erwachsenenlebens.

Die Entscheidung der Eltern zur Trennung mag ein sinnvoller Schritt sein, wenn für die Erwachsenen die Perspektive einer befriedigenden Partnerschaft nicht mehr realisierbar erscheint. Für die Kinder bedeutet die Trennung der Eltern zunächst erst einmal eine Erschütterung ihrer bisherigen gewohnten Lebensumstände.

Eine Trennung ohne zumindest kurzfristig belastende Gefühle bei den Kindern ist somit nicht möglich. Jedoch können Eltern Bedingungen für ihre Kinder herstellen, dass die belastenden Gefühle verarbeitet werden können und neue Sicherheiten für die Kinder entstehen, die ihre weitere Entwicklung fördern.

2.
Die Trennung und Scheidung der Eltern wird zu den am stärksten belastenden Lebensereignissen für Kinder gezählt. Sie bringt beträchtliche Veränderungen für verschiedene Lebensbereiche der Kinder mit sich. Mit dem Eintritt der Trennung entwickeln sich die Lebenslagen der Kinder in unterschiedliche Richtungen. Zunächst einmal im direkt geographischen Sinn: Umzug in eine andere Wohnung, vielleicht auch in eine andere Stadt. Mit dem geographischen Wechsel der Umgebung gibt es einen Wechsel der Schule, der Freunde, der Nachbarn. Darüber hinaus macht die Trennung eine neue Alltagsorganisation der Kinder mit jedem Elternteil notwendig: wer kauft ein, passt auf, hilft mit, verdient dazu? Statt gemeinsamem Alltag und gemeinsamer Wohnung mit beiden Eltern gibt es nun Separatzeiten, Besuchsregelungen mit jedem Elternteil. Ökonomisch herrscht eine Umverteilung des Mangels; die finanziellen Einbußen schränken die Gestaltungsmöglichkeiten der Kinder stark ein.

Für viele Kinder beginnt der Stress jedoch bereits vor der Trennung, der Zeit der Partnerschaftskrise ihrer Eltern. Diese Zeit ist in der Regel mit einem hohen elterlichen Konfliktniveau, unerklärlichen Veränderungen im familiären Alltagsleben, Anspannung und verändertem Verhalten der Eltern verbunden. Die Streitereien zwischen den Eltern – offen oder verdeckt – oder gar Tätlichkeiten und Gewaltausbrüche rufen bei Kindern starke Ängste hervor. Die Kinder müssen in dieser Zeit oft selbst herausfinden, was in ihrer Familie vorgeht. Niemand erklärt ihnen, worum es bei den gegenseitigen Vorwürfen, den halblauten Auseinandersetzungen hinter verschlossenen Türen, beim vorwurfsvollen Schweigen der Eltern geht. Kinder sind sehr sensibel für die Stimmungsschwankungen ihrer Eltern. Nicht selten übernehmen sie die Rolle als Berater, Vermittler, Tröster. In dieser Phase der Ambivalenz können Kinder bereits Symptome entwickeln, die primär den Zweck haben, eine Wiedervereinigung ihrer Eltern herbei zu führen. Solange sich die Eltern auf die Symptome ihrer Kinder konzentrieren, gibt es eine Chance, dass sie zusammenbleiben. Das Kind erlebt wieder eine verstärkte Sorge beider Eltern miteinander; es gibt Austausch, Verständigung, ja sogar gemeinsame Entscheidungen der Eltern, die die Trennungsabsichten der Eltern unterlaufen sollen.

Kommt es zur Trennung, so lassen sich kurzfristige und langfristige Folgen bei Kindern feststellen. Kurzfristig fallen Kinder um ein bis zwei Entwicklungsstufen zurück, zeigen psychosomatische Reaktionen, sind verunsichert im Kontakt. Langfristig können sich bei ihnen psychische Probleme, insbesondere Selbstwertproblematiken ergeben, die Fähigkeit zur sozialen Integration ist nur schwach entwickelt, das Leistungsvermögen ist eingeschränkt.

Es kommt daher zwangsläufig immer zu Reaktionen der Kinder auf die Trennung ihrer Eltern. Die Trennung der Eltern verändert das Beziehungsgefüge zwischen Kindern und Eltern in einer Weise, die für die Kinder nur begrenzt verständlich ist. Was sich da zwischen ihren Eltern abspielt, entzieht sich ihrer Kontrolle. Kinder reagieren auf die Scheidung der Eltern je nach Altersstufe unterschiedlich. Diese unterschiedlichen Reaktionen lassen sich zum einen aus den je nach Entwicklungsstand unterschiedlichen kognitiven Kompetenzen der Kinder, sowie dem je nach Entwicklungsstand unterschiedlichem Verständnis der Kinder von Beziehungen erklären.

Im Folgenden sollen die Reaktionen der Kinder auf die Trennung / Scheidung der Eltern stichpunkthaltig nach Altersstufen beschrieben werden.

Kinder im Alter von 0 – 2,5 Jahren

Sie reagieren auf die Trennung mit erhöhter Irritierbarkeit und weinerlichem Verhalten, ziehen sich zurück, können sich nur schwer auf ein Spiel einlassen, sind im Kontakt ängstlich oder im Übermaß anklammernd.

Das im Ansatz entwickelte Beziehungsgefüge der Kinder wird durch die Trennung erheblich erschüttert. Das Kind wird in diesem Alter in seinen Bemühungen, eine stabile Umwelt zu erschaffen und mit ihr in Beziehung zu treten, zutiefst verunsichert. Die Trennung bedeutet im Erleben einen Verlust an Nähe, Geborgenheit; die Kinder fühlen sich verlassen und getrennt von ihren wichtigsten Bezugspersonen.

Kinder im Alter von 2 – 3 Jahren

Sie reagieren auf die Trennung mit deutlichen Verhaltensänderungen, z.B. Angstzuständen, akuten Trennungsängsten, Aggressivität und Trotzverhalten.

Das Bewusstsein über die existentielle Abhängigkeit von den Eltern weckt im Falle einer Trennung massive Ängste, für die nur wenige Fähigkeiten zum Umgang mit Stresssituationen bisher ausgebildet worden sind. Die Kinder sind überfordert mit der Bewältigung dieser neuen Lebenssituation. Diese Ängste finden sich in allgemeinen Angstzuständen, akuten Trennungsängsten, verstärkter Masturbation, Aggressivität, Trotzverhalten wieder.

Kinder im Alter von 3 – 5 Jahren

Sie reagieren auf die Trennung vor allem mit aggressivem Verhalten, mit psychosomatischen Störungen (Einnässen, Kopfschmerzen, Bauchschmerzen). Die Trennung der Eltern hat ihr Vertrauen in die Zuverlässigkeit von Beziehungen erschüttert. Die Trennung der Eltern kann bereits mit eigenem Fehlverhalten erklärt werden. Daraus resultieren bei diesen Kindern massive Schuldgefühle.

Kinder im Alter von 5 – 6 Jahren

Sie reagieren mit erhöhter Ängstlichkeit und Aggression, verstärktem Weinen. Sie bewerten die Auflösung der Familie als Trennung von der eigenen Person. Das Ausbleiben gemeinsamer familiärer Aktivitäten bewerten sie als Liebesentzug.

Kinder im Alter von 6 – 9 Jahren

Sie reagieren auf die Tatsache, dass die Eltern den Bedürfnissen nach Wiedervereinigung der Familie nicht Rechnung tragen, mit tiefer Trauer und Hilflosigkeit. Häufig kommt es bei ihnen zu Leistungsabbrüchen, Verhaltensauffälligkeiten und Schwierigkeiten im Umgang mit Gleichaltrigen.

Kinder im Alter von 9 – 12 Jahren

Bei einem beträchtlichen Teil dieser Altersgruppe sind Symptome wie depressive Stimmungen, niedriges Selbstwertgefühl, schulische Schwierigkeiten zu beobachten. Bei der Suche nach der eigenen Identität fühlen sie sich von den Eltern in der Trennung im Stich gelassen. Charakteristisch ist oft ein bewusster, intensiver Zorn, der sich direkt auf die Eltern bezieht.

Kinder und Jugendliche im Alter von 12 – 15 Jahren

Die Trennung der Eltern löst bei ihnen heftige Gefühle aus. Es verbinden sich Zorn, Trauer, Schmerz und Scham mit dem Gefühl, verlassen worden zu sein. Dennoch sind sie oft in der Lage, konstruktiv mit der Trennung ihrer Eltern umzugehen und einen Beitrag zur Bewältigung zu leisten. Hier besteht bei ihnen die Gefahr, dass ihre eigenen angemessenen Schritte ihrer Ablösung von den Eltern unterbleiben.

3.
Es lässt sich zum einen feststellen, dass jüngere Kinder durch die elterliche Trennung heftigere und andauernde Belastungen erleben als ältere; zudem ist festzustellen, dass Kinder aller Altersklassen zumindest kurzfristig und vorübergehend durch die Trennung der Eltern belastet sind. Die Scheidung bedeutet für Kinder eine Krise, die verschiedenste Gefühle bei ihnen hervorruft, herrufen muss. Ein gesundes, einigermaßen normales Kind muss auf eine solche Krise reagieren („Erlebnisreaktion“). Die meisten Kinder können sich langfristig ohne weiterreichende Folgen von diesem kritischen Ereignis erholen. Die seelische Struktur des Kindes ist zwar durch die Trennung der Eltern vorübergehend belastet, jedoch noch nicht verändert. Das Kind ist weiterhin in der Lage, unter hilfreichen äußeren Umständen sein Gleichgewicht selbständig wieder zu finden. Es handelt sich bei dieser Form von belasteten Gefühlen und Reaktionen nicht um pathologische Erscheinungen, sondern um Reaktionen, die auch wieder vorübergehen können, wenn die damit verbundenen Befürchtungen angesichts der neuen Realität sich mildern oder korrigiert werden können. Es sind im Grunde normale und gesunde Antworten der Kinder auf verrückte Lebensumstände. Entscheidend kommt es darauf an, ob es den Eltern gelingt, dem Kind zu vermitteln, dass, bei aller Veränderung der äußeren Lebensumstände, die Welt in ihren Grundfesten sich nicht verändert hat.

Diese Grundfesten sind für die Kinder gewahrt, wenn folgende Bedingungen (wieder) hergestellt sind:

  • der Kontakt des Kindes mit jedem Elternteil erhalten und für die Zukunft gesichert ist
  • eine Kooperation der Eltern miteinander neu etabliert wird
  • die finanzielle Sicherheit für die Kinder hergestellt ist

4.
Die Familien-Mediation setzt bei der Regelung der äußeren Veränderungen für jedes Familienmitglied an, mit dem Effekt, dass dadurch auch eine innere Stabilität neu entstehen kann. Die Familien-Mediation bietet den Eltern die Möglichkeit, eigenverantwortlich Lösungen zu entwickeln und Vereinbarungen zu den drei oben genannten Bedingungen zu treffen. In diesen Prozess bezieht die Familien-Mediation auch die Kinder aktiv mit ein; die Kinder sollen sich am Veränderungsprozess ihrer Familie beteiligen können, ohne die Verantwortung für Entscheidungen übernehmen zu müssen. Auf den Prozessstufen der Themensammlung und der Optionenentwicklung wird den Kindern Gelegenheit gegeben, eigene Themen zu sammeln, die ihre Eltern für sie regeln müssen, sowie Ideen zu entwickeln, zu phantasieren, die die Lösungssuche der Eltern beflügeln können. Beispielhaft seien einige typische Themen der Kinder in der Mediation genannt, die den Eltern vorher oft nicht bekannt waren:

  • darf ich zu Oma/Opa/Tante/Onkel
  • mein Kaninchen/Vogel/Fisch
  • wer kauft meine Kleidung
  • wer unterschreibt mein Zeugnis
  • von wem kriege ich Taschengeld
  • meine Freundin/mein Freund
  • mit meinem Bruder zusammen sein
  • wo feiere ich meinen Geburtstag
  • Weihnachten/Ferien
  • wer holt mich ab vom Fußball/Klavierspielen

Mit diesen Themen können die Kinder aktiv den weiteren Prozess ihrer Familie beeinflussen; ihre Anliegen werden von den Eltern nicht mehr übersehen. Greifen die Eltern die Themen und Wünsche ihrer Kinder auf, dann gelingt es ihnen, die Grundfesten ihrer Kinder neu aufzubauen, es entstehen neue Sicherheiten für ihre Kinder.

Unter diesen Voraussetzungen bedeutet die Scheidung für Kinder oft eine Entlastung im Vergleich zum konfliktreichen Zusammenleben mit beiden Eltern vor der Trennung. Mit dem Ende der Scheidung kann die neue Sozialstruktur die Kinder frei machen für ihre anstehenden eigenen Entwicklungsschritte. Gelingt es der „Familie nach der Familie“ eine neue Struktur aufzubauen, entstehen mit den neuen Aufgaben für die Kinder Entwicklungsgewinne. Entlastung und neue Anregungen erweisen sich als förderlich.

Bücher zum Thema:

Monika Czernin/ Remo H. Largo: Glückliche Scheidungskinder, Trennungen und wie Kinder damit fertig werden
Kinderbuch: Neele Maar/Verena Ballhaus: Papa wohnt jetzt in der Heinrichstraße (ab 5 J.)

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